Vom Dotcom-Boom zur KI-Transformation: Wie sich der deutsche Tech-M&A-Markt verändert

Peter Harter im Interview mit iDeals

Der deutsche Tech-M&A-Markt steht vor einem grundlegenden Wandel. Im Gespräch mit iDeals erläutert SAXO-Mitgründer Peter Harter, worauf Käufer heute achten, wie künstliche Intelligenz Unternehmensbewertungen verändert und weshalb eine frühzeitige Exit-Vorbereitung wichtiger ist denn je.

Mehr als zwei Jahrzehnte Tech-M&A

Der deutsche Markt für Technologieunternehmen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Was zur Zeit des Neuen Marktes mit Börsengängen wachstumsstarker Technologieunternehmen begann, entwickelte sich nach dem Ende des Dotcom-Booms zu einem zunehmend professionellen und spezialisierten M&A-Markt.

Peter Harter, Managing Partner und Mitgründer von SAXO Equity, spricht in einem aktuellen Interview mit iDeals über diese Entwicklung und die Veränderungen, die derzeit durch künstliche Intelligenz, neue Investorenanforderungen und den Generationenwechsel bei mittelständischen Unternehmern entstehen.

Was Käufer heute von Technologieunternehmen erwarten

Für attraktive Software- und Technologieunternehmen bleibt die Kombination aus Wachstum und Profitabilität entscheidend. Als wichtige Orientierung nennt Peter Harter die sogenannte Rule of 40: Die Summe aus Umsatzwachstum und EBITDA-Marge sollte idealerweise mindestens 40 Prozent erreichen. Unternehmen, die diese Schwelle erfüllen, können auch in einem anspruchsvollen Marktumfeld auf ein breites Käuferinteresse und einen strukturierten Transaktionsprozess hoffen. Unternehmen unterhalb dieser Marke sind nicht automatisch unverkäuflich. Sie werden jedoch häufiger als strategische Ergänzung für bestehende Plattformen betrachtet – etwa aufgrund ihrer Technologie, ihres Teams oder ihrer Positionierung in einer spezialisierten Branche.

Exit Readiness beginnt lange vor dem Verkaufsprozess

Viele Unternehmer unterschätzen, wie früh die Vorbereitung auf einen möglichen Verkauf beginnen sollte. Ein erfolgreicher Prozess besteht nicht nur darin, einen interessierten Käufer zu finden. Entscheidend sind belastbare Kennzahlen, eine klare Equity Story, gut strukturierte Unterlagen und ein ausreichend breiter Kreis potenzieller Käufer und Investoren. Auch die Vorbereitung des Datenraums wird häufig zu lange aufgeschoben. Die Aufgabe ist grundsätzlich lösbar, verlangt aber Disziplin und eine frühzeitige Zusammenstellung der relevanten finanziellen, rechtlichen und operativen Dokumente. Hinzu kommt eine veränderte Bewertungssituation: Die Bewertungen vieler Softwareunternehmen sind in den vergangenen Jahren zurückgegangen, während sich manche Eigentümer weiterhin an den Höchstständen früherer Marktphasen orientieren. Eine realistische Einordnung der aktuellen Kennzahlen ist deshalb ein wesentlicher Bestandteil der Transaktionsvorbereitung.
„Eine erfolgreiche Transaktion beginnt nicht mit der Käufersuche, sondern mit der richtigen Vorbereitung.“

Künstliche Intelligenz verändert Geschäftsmodelle und Bewertungen

Künstliche Intelligenz stellt Käufer, Verkäufer und Berater vor neue Bewertungsfragen. Noch ist nicht in jedem Fall klar, welche Geschäftsmodelle durch KI gestärkt und welche unter Druck geraten werden. Zu den Gewinnern dürften Unternehmen gehören, die KI nicht nur kommunikativ nutzen, sondern nachvollziehbar in ihre Produkte und internen Prozesse integrieren. Entscheidend ist, ob dadurch ein messbarer Mehrwert für Kunden entsteht und die eigene Organisation effizienter oder skalierbarer wird. Gleichzeitig entstehen Risiken für Unternehmen, deren bisherige Leistungen durch KI deutlich günstiger oder schneller erbracht werden können. Peter Harter erwartet, dass sich der Markt in den kommenden Jahren klarer in Gewinner, Verlierer und Unternehmen mit noch unsicherer Perspektive aufteilen wird.

Unternehmensnachfolge wird zu einem zusätzlichen Markttreiber

Neben technologischen Veränderungen gewinnt auch die demografische Entwicklung an Bedeutung. Viele Gründer deutscher IT- und Softwareunternehmen beschäftigen sich inzwischen intensiver mit ihrer persönlichen Nachfolge. Die bevorstehende KI-Transformation verstärkt diese Überlegungen teilweise zusätzlich. Einige Unternehmer möchten den nächsten Entwicklungsschritt gemeinsam mit einem strategischen Partner oder einer Buy-and-Build-Plattform gestalten. Andere entscheiden sich dafür, Verantwortung und Kapital vollständig zu übergeben. Damit wird die Verbindung aus Unternehmensnachfolge, Digitalisierung und strategischer Konsolidierung den deutschen Tech-M&A-Markt voraussichtlich auch in den kommenden Jahren prägen.

Auch SAXO Equity investiert in KI

SAXO Equity setzt künstliche Intelligenz bereits bei der Marktanalyse und der Erstellung von Transaktionsunterlagen ein. Nach Angaben von Peter Harter fließen derzeit rund 20 bis 30 Prozent der internen Ressourcen in die Automatisierung eigener Prozesse. Weitere Anwendungsfelder sind die Vorbereitung von Datenräumen und einzelne Schritte der Due Diligence. Das Ziel ist dabei nicht, die persönliche Beratung zu ersetzen. Vielmehr sollen wiederkehrende Aufgaben effizienter durchgeführt werden, sodass mehr Zeit für strategische Fragestellungen, Käuferansprache und die individuelle Begleitung der Unternehmer bleibt.

Das vollständige Interview

Das vollständige englischsprachige Interview mit Peter Harter ist im iDeals-Blog erschienen. Darin spricht er ausführlicher über die Entwicklung von SAXO Equity, aktuelle Käufergruppen, Bewertungsfragen und die langfristigen Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf den M&A-Markt.